Und wieder einmal Erschütterung, Entsetzen, Fassungslosigkeit …

Wann begreifen wir endlich, dass Rassisten und Neonazis mitten unter uns sind? Wann handeln wir?

– ein Kommentar zu den Ereignissen in der Kaminkehrerschule Dietfurt-

Der Aufschrei in der  Bundesrepublik des Jahres 1969 war riesig: 4,3% der Wählerstimmen konnte mit der NPD eine rechtsradikale Partei auf sich vereinigen. Knapp 50 Jahre später nimmt sich demgegenüber  der Aufschrei nach dem Erfolg der  AfD mit dreifacher Prozentzahl wie ein laues Lüftchen aus.

„Die Leiter des Ausbildungszentrums reagieren fassungslos, als sie die Videos sehen“ heißt es in der BR-Berichterstattung zu den Ereignissen in der Kaminkehrerschule  bei Dietfurt in der Oberpfalz.: Naziparolen und Horst-Wessel-Lied als Abendprogramm eines Ausbilders „kann doch nicht sein“.

Diese Abscheu ist absolut glaubwürdig, trifft sie doch den Nerv der Zeit: Der weit überwiegende Teil unserer Gesellschaft zeigt sich erschüttert und lehnt den allgemein empfundenen Rechtsruck ab. Wir verabscheuen natürlich die allgemeine Verrohung der Sprache, das immer offenere Auftreten von Menschenfeinden und Rassisten und erst Recht  Übergriffe auf MigrantInnen.

RassistInnen im persönlichen Lebensumfeld

Viel zu viele von uns weigern sich jedoch zu akzeptieren, dass diese Menschenfeinde heute auch bis in unser ganz persönliches  Umfeld hinein wirken. Sie waren vielleicht schon immer da und haben nur geschwiegen. Nun trauen sie sich im Aufwind einer Normalisierung und Veralltäglichung ihrer Position im Geschäftsalltag der  Parlamente, in den Medien, sowie Facebook  &Co  aus der  Deckung. Es gibt keine rassismusfreien Räume mehr, nicht in der Nachbarschaft, nicht in der eigenen Familie, nicht im Kollegenkreis oder im Verein.

Es gibt einen merkwürdigen Glauben auch unter aufrechten Demokraten – den Glauben, dass wenn es um die Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus  geht, ausreicht, die richtige Gesinung zu haben. Doch die Moral alleine genügt nicht.

Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung

15% der  Gewerkschaftsmitglieder haben beispielsweise nachweislich AfD gewählt. Das überrascht – sind doch Gewerkschaften erst einmal völlig unverdächtig, rassistsiche Positionen acuh nur zu tolerieren. Es spricht also alles dafür, dass bei den Pfarrgemeinderatswahlen im Februar, bei den ab März beginnenden Betriebsratswahlen, bei den Kirchenvorstandswahlen im Oktober und erst Recht im sprichwörtlichen Kleingarten- und Kaninchenzüchterverein auch Menschenfeinde gewählt werden. Diese werden selten bis nie sich offen rassistisch zur Wahl stellen und – wie gewohnt – als engagierte, besorgte Bürger darstellen. Erst in ihrer Funktion angekommen werden sie einer weiteren Normalisierung rassistischer und menschenfeindlicher Positionen Vorschub leisten.

Wir tun also gut daran, in allen gesellschaftlichen Bereichen eine klare Abgrenzung zu Menschenfeinden als Voraussetzung zur Teilnahme am gesellschaftlichen Disput zu definieren. Da gilt es dann eben mal etwas genauer hinzusehen, wen man da eigentlich in ein Amt hievt – egal ob einen Lehrbeauftragten an einer Kaminkehrerschule oder den Vorsitzenden eines Kleingartenvereins.

 

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